Wilde Bühne Bremen an der ASS: Interaktives Theater zu Grenzerfahrungen und digitalem Alltag
Die Wilde Bühne Bremen gastierte Ende November im Giebelsaal der Albert-Schweitzer-Schule und zeigte interaktive Kurzstücke zu Themen wie digitaler Selbstdarstellung, Drogenkonsum, Gruppendruck und familiären Belastungen. Das Ensemble besteht aus Schauspielern, die in ihrem eigenen Leben Suchterfahrungen gemacht haben und heute ohne Substanzen leben. Diese Offenheit prägte auch die Gespräche im Anschluss an die Aufführungen.

Für den 7. Jahrgang standen die Stücke „Maria im Netz“ und „Guck mal, wer ich bin“ auf dem Programm. Der 11. Jahrgang sah „Guck mal, wer ich bin“ sowie „Cannabis auf der Klassenfahrt“. Die Szenen dauerten jeweils sieben bis zehn Minuten und wurden durch Gesprächsphasen unterbrochen, in denen die Jugendlichen direkt auf das Geschehen reagierten. Die Schüler konnten Alternativhandlungen vorschlagen und einzelne Ideen gemeinsam mit den Schauspielern auf der Bühne ausprobieren.
Die erste Szene, „Cannabis auf der Klassenfahrt“, zeigte eine Schülergruppe während einer Freizeitstunde. Kevin und Finja konsumieren Cannabis und versuchen, Dennis zum Mitmachen zu bewegen. Der Lehrer, Herr Sommer, entdeckt die Gruppe und schickt alle drei nach Hause – auch Dennis, der nichts konsumiert hat. Die Mutter von Finja reagiert im Anschluss wütend und vermutet eine Verletzung der Aufsichtspflicht. Gleichzeitig betont sie, dass sie sich ein Fehlverhalten ihrer Tochter nicht vorstellen könne. Viele Schüler hielten genau diese Reaktion für realistisch.
In der anschließenden Interaktion stieg Magnus Rusche aus dem 11. Jahrgang in die Rolle des Vaters von Finja ein. Er spielte die Szene neu, suchte das Gespräch mit seiner Tochter und setzte auf Verständnis statt Druck. Die Mitschüler konnten gut beobachten, wie sich mit kleinen Veränderungen in Haltung und Ton die gesamte Situation verschiebt. Im Gespräch wurde deutlich, dass offene Kommunikation, auch über eigene Fehler, Konflikte abmildern kann. Die Schauspielerin Kerstin berichtete danach offen von ihren eigenen Drogenerfahrungen und ihrem Ausstieg.
Im Stück „Guck mal, wer ich bin“ ging es um die Diskrepanz zwischen Social-Media-Auftritten und persönlicher Realität.
Sarah postet Urlaubsbilder vom Meer, nimmt aber kaum Nahrung zu sich und zeigt Anzeichen eines problematischen Essverhaltens. Ron präsentiert den vermeintlichen Wohlstand seines Vaters, während dieser sich tatsächlich kaum um ihn kümmert und die Eltern in Scheidung leben. Maxi wiederum wächst in einem von Alkohol und Gewalt geprägten Haushalt auf. Sie hofft auf Geld für die Klassenfahrt, wird jedoch vom betrunkenen Vater geschlagen; die Mutter entschuldigt dessen Verhalten mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes. Am Ende sagt die Mutter die Fahrt ab und behauptet, Maxi sei krank. Während die Klasse unterwegs ist, sitzt Maxi zu Hause und schickt digitale Grüße nach Barcelona – der Ort, an dem sie eigentlich selbst hätte sein sollen.
Im Nachgespräch zeigten die Schauspieler, wie eng ihre Rollen mit eigenen Erfahrungen verbunden sind. Sie sprachen offen über Sucht, Gewalt und darüber, was zu ihrem Ausstieg geführt hat. Diese persönliche Perspektive verlieh den Stücken eine besondere Glaubwürdigkeit und erleichterte es den Schülern, einen Zugang zu den Themen zu finden.
Das Prinzip der Wilden Bühne – kurze Szenen, direkte Rückfragen an das Publikum und die Möglichkeit, Handlungsalternativen auszuprobieren – sorgte durchgehend für hohe Aufmerksamkeit. Die Schüler wurden nicht belehrt, sondern ernstgenommen und in Entscheidungen einbezogen:
Was wurde gezeigt? Wer hatte am Ende ein Problem – und warum? Welche Figur hätte anders handeln müssen? Und was geschieht, wenn man schweigt oder sich unter Druck setzen lässt?
Die Wilde Bühne Bremen verbindet Theater für Jugendliche mit eigenem Erfahrungswissen. Aus der Mischung aus überzeugender Darstellung, Interaktion und biografischer Offenheit entstanden Gespräche, die weit über die Aufführung hinausreichten. Viele Schüler zeigten sich am Ende spürbar beeindruckt – sowohl von der Direktheit und dem Mut der Darsteller als auch von der Authentizität der gezeigten Situationen.
Die Veranstaltung wurde durch den Förderverein der Albert-Schweitzer-Schule, die Klitzing-Stiftung, die Werner-Ehrich-Stiftung sowie die Rosemarie- und Dieter-Isensee-Stiftung ermöglicht.
