Arien in Stall und Scheune: ASS-Chor beim Musikfestival “Concerts à la ferme“

ASS-Chor beim deutsch-französischem Musikprojekt in der Normandie/ ’Konzerte auf dem Bauernhof’ lässt jugendliche Sänger zu deutsch-französischem Chor zusammenwachsen

Klingen französische Bauernhöfe anders? Wer sich im Sommer in der Normandie einem Bauernhof näherte, der vernahm mitunter nicht Traktorengeräusch oder das Muhen von Kühen, sondern stimmgewaltige Arien: ‘L’amour est un oiseau rebelle que nul ne peut apprivoiser, et c’est bien en vain qu’on l’appelle, s’il lui convient de refuser.‘ Nicht Rind? Nicht Schwein? Und auch kein Huhn? Richtig, der wilde Vogel Liebe ist es, der hier als unbezähmbar besungen wird. Bizet statt Bauer, Carmen statt Kuhstall also.

Begeistert und voller Eindrücke waren nämlich 14 Sängerinnen und Sänger des ASS-Chores von einem besonderen deutsch-französischen Musikprojekt in den Sommerferien zurückgekehrt.

Im Mittelpunkt stand das Musikfestival „Concerts à la ferme“, zu deutsch: Konzerte auf dem Bauernhof, bei dem seit 2023 in ländlichen Gebieten Frankreichs Konzerte auf Bauernhöfen, Landgütern, in Ställen und Scheunen Besucher in Scharen anziehen. Die künstlerische Leiterin des Festivals, Hélène Paillette, kam für die Konzertreihe im Juli 2026 auf den Gedanken, einen deutsch-französischen Jugendchor einzubeziehen. Über den Schulleiter des Gymnasiums R. Queneau in Yvetot wurde auch der Chor der ASS als Partnerschule eingeladen. ASS-Chorleiterin Antje Falldorf-Podehl war von der Idee sofort begeistert, zumal die beiden Schulchöre bereits mehrfach bei Begegnungen der seit 25 Jahren bestehenden Schulpartnerschaft zusammengearbeitet hatten.

Ungeacht der kurzfristigen Einladung konnten 12 aktuelle und ehemalige Mitglieder des ASS-Chores für die zehntägige Reise gewonnen werden. Begleitet wurden sie von Chorleiterin Antje Falldorf-Podehl und dem ASS-Kollegen Johannes Decker, selbst erfahrener Sänger des Knabenchores Hannover.

Die Zugreise in die Normandie begann trotz einiger Verzögerungen bereits mit Gesang und guter Stimmung – eine vielversprechende Ouvertüre, sozusagen. In Yvetot eingetroffen, wurde dort das Lycée R. Queneau zum „Basislager“ des Projekts. Die Jugendlichen waren im Internat der Partnerschule untergebracht. Kurzerhand mutierte der Pausenhof zum Volleyballfeld, der Konzertsaal zum Proberaum und zur Karaokebar. Vor allem aber wurde die Schule zum Ort des Kennenlernens: Bis spät in die Nacht wurde auf Deutsch, Französisch oder Englisch gespielt, diskutiert und zur Gitarre gesungen.

Der Zeitplan für den neu gegründeten Festivalchor war ambitioniert. In den ersten vier Tagen wurde intensiv mit Arnaud Thorette, Bratschist und musikalischem Leiter des Projekts, geprobt. Anschließend folgten fünf Festival-Konzerte. Das professionelle Ensemble mit Instrumentaltrio sowie Opern- und Jazzsängerin wurde dabei vom Jugendchor begleitet.

30 junge Sängerinnen und Sänger aus Frankreich und Deutschland im Alter von 13 bis 29 Jahren trafen aufeinander – mit sehr unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen. Besonders beeindruckend war für die Jugendlichen, dass daraus keine Konkurrenz entstand zwischen dem Chor der ASS und den Sängerinnen und Sängern der französischen Schule. Stattdessen entwickelte sich eine ungewöhnlich harmonische Gemeinschaft. Unterschiede in Alter und Herkunft spielten bald kaum noch eine Rolle.

Die Konzerte auf den Höfen sorgten für besondere Momente. Gemeinsam mit dem französischen Publikum wurde ein Chanson von Edith Piaf gesungen. Die Habanera aus Bizets „Carmen“ erklang in einem Getreideschuppen – Oper zum Anfassen. Besonders eindrucksvoll war auch das Spiritual „Freedom“, das die beeindruckende Jazzsängerin mit großer Intensität begann und der Chor kraftvoll aufgriff, bevor das Stück kaum hörbar ausklang.

Neben der Musik lernte die Gruppe die Normandie aus ungewöhnlicher Perspektive kennen. Auf der Konzerttour ging es durch unterschiedliche ländliche Regionen; außerdem standen Ausflüge nach Rouen und Le Havre auf dem Programm. Bei bestem Badewetter konnte sich die Gruppe in Le Havre und im Badeort Les Petites Dalles im Meer abkühlen – mit Blick auf die berühmte Alabasterküste.

Dass trotz des straffen Programms keine Hektik aufkam, war auch dem dreiköpfigen Organisationsteam zu verdanken. Mit viel Kreativität sorgte es für einen reibungslosen Ablauf und verwandelte selbst notwendige Putzeinsätze in kleine Challenges mit Tanzeinlagen.

Was bleibt? Vor allem das Staunen darüber, wie schnell aus einer Gruppe Jugendlicher, die einander fremd gewesen waren, eine Gemeinschaft werden kann. Die gemeinsame Musik, die Konzerte, die Begegnungen mit dem französischen Publikum und die vielen gemeinsamen Erlebnisse haben neue Freundschaften entstehen lassen.

In besonderer Erinnerung bleibt auch das erste Konzert: Zunächst musste die Scheune gemeinsam vom Stroh befreit und für den Auftritt vorbereitet werden, bevor Konzertflügel und Bestuhlung aufgebaut werden konnten. Atemübungen mit der Sopranistin, die mit vollem Körpereinsatz arbeitete, die mitreißende Art des musikalischen Leiters Arnaud Thorette und die Ergriffenheit nach dem letzten Konzert gehören ebenfalls zu den Eindrücken, die die jungen Sängerinnen und Sänger mit nach Hause genommen haben.

Und, mit das Wichtigste zum Schluss: Neue Freunde gefunden zu haben. Dank der Musik – die ja selbst  Getreidespeicher in Konzertsäle verwandelt.

Share this Post