100 Jahre Ruderriege der ASS

Die Ruderriege – ein pädagogisches Jahrhundertprojekt?

Erfolge und Leistungen, auch Niederlagen und beinahe ein Ende der Ruderriege sind an anderen Stellen dieser Festschrift dargestellt worden (immer wieder ist dabei auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler hingewiesen worden), insofern kann hinterfragt werden, ob die Ruderriege eine besondere im pädagogischen Sinne beispielgebende Einrichtung ist.

Die Bestandsaufnahme weist zunächst darauf hin, dass es        

–  in hundert Jahren keinen hauptamtlichen Trainer gab und gibt

–  die Ruderausbilder bis auf wenige Ausnahmen nie über eine Übungsleiterlizenz verfügten und verfügen

–  eine bei vielen Ruderriegen und Rudervereinen übliche Motorbootausbildung lediglich von 1974 bis 1980 in Ansätzen stattfand und seitdem nicht wieder stattgefunden hat      

–  die Protektoren z. T. selber gar keine Ruderer oder Sportlehrer waren

–  der Bootspark eigentlich immer zu wünschen übrigließ

–  die finanzielle Ausstattung so miserabel war, dass Sportler Regatten privat finanziert haben, dass Protektoren Bootsversicherungen ebenso privat finanzierten …

Diesen doch eher negativen Aspekten sind erstaunliche Erfolge und Leistungen der Ruderriege gegenüberzustellen:

–  mehrere deutsche Meisterschaften in den 50er, 60er und 70er Jahren

–  zahlreiche Landesmeisterschaften in den 70er, 80er, 90er Jahren und zuletzt 2007/2008 beim Jungen- und Mädchenrudern

–  erfolgreichste Ruderriege der Bundesrepublik in den 50er Jahren (lange her!)

–  zahllose Wanderfahrten und Ruderlager, die ohne Betreuung von Lehrkräften              allein von Schülerinnen und Schülern organisiert und durchgeführt wurden (z.B. von Bernburg nach Nienburg/Weser)

–  zeitweise immer wieder vollkommen autonome Verwaltung des Bootshauses und Organisation eines Übungsbetriebes inklusive Regattabesuchen allein durch den Schülervorstand (häufig verwundert gestellte Frage der Regattaleitung: „Wo ist euer Trainer?“ „Wer ist euer Obmann?“)

Zusammenfassend verwundert außerordentlich, dass unter den eingangs genannten Bedingungen tatsächlich sportliche Spitzenleistungen erzielt wurden. Es kann ebenso verwundern, dass es die Ruderriege bei diesen Voraussetzungen überhaupt so lange gab bzw. immer noch gibt.

Was ist damit das Geheimnis der Erfolge und ihres Fortbestands? Folgende pädagogischen Schlagworte mögen eine Antwort darauf geben können:

Selbstbestimmung, Eigeninitiative, Eigenverantwortung, Selbstdisziplin und gemeinschaftliche Solidarität.

Zur Selbstbestimmung: Rudern / Rudersport funktioniert erfolgreich nur dann, wenn die Ruderin/der Ruderer sich freiwillig für diese Sportart entschieden hat – „ich möchte, dass mein Kind rudert“ funktioniert bisweilen, meistens nicht. Selbstbestimmung heißt in der Ruderriege auch immer wieder, dass die Mitglieder bestimmen, was gemacht wird oder was nicht.

Zur Eigeninitiative: In der Ruderriege geht es nur dann voran, wenn die Mitglieder sich für oder gegen bestimmte Projekte entscheiden.

Bootsanschaffung, Regattabesuch, Wanderfahrt sind in der „Reinform“ der Ruderriege keine Vorgaben des Protektors, sondern Entscheidungen der Schülerinnen und Schüler im Kleinen (Essensfrage im Trainingslager) wie im Großen (Wanderfahrt auf der Weser oder auf der Oste). 

Zur Eigenverantwortung: Start zur Wanderfahrt, Ausleger vergessen, Schuld des Protektors? Würde in der Ruderriege wohl nicht ernsthaft diskutiert werden: Ein „Lernziel“ in der Ruderriege ist sicherlich erfolgreich zu begreifen, dass ich/wir für meinen/unseren „Scheiß“ selbst verantwortlich bin/sind und nicht Mami/Papi oder gar der Lehrer/die Lehrerin.

Begeisternd und pädagogisch sehr zielführend ist immer wieder die in den 90er Jahren „entwickelte“ übersteigerte Eigenverantwortung: „Ich hab einen Zehner- Schlüssel versenkt“ … „Macht nix, kauf zwei neue, dann ist es wieder gut.“ 

Eigenverantwortung bedeutet eigener Schlüssel des Schülervorstands für ihr Bootshaus und ihre Boote, eigenverantwortlicher Umgang mit den Booten, eigenverantwortliche Zuganreise und … und …und.

Zur Selbstdisziplin: Rudersport, ob im Hochleistungssport oder auf Wanderfahrt, ist nach einer bestimmten Distanz immer auch ein Kampf gegen den sog. inneren Schweinehund: Kraftausdauersport heißt Ermüdungswiderstandsfähigkeit – fühlt sich so bescheiden an, wie es sich anhört. Bei der Organisation der Ruderriege ist diese Selbstdisziplin ebenso von Nöten – der Bootsanhänger rollt eben erst dann, wenn auch das letzte Boot festgezurrt ist, gleich, ob es mein Boot oder das eines anderen ist.

Zur gemeinschaftlichen Solidarität: Tatsächlich, das Ruderboot wird dann schnell, wenn alle im gleichen Moment das Gleiche tun, für Individualismus ist hier wenig Platz: Lässt nur einer beim Tragen das Boot los, fällt es herunter. Zum „Erfolgsruderer“ bedarf es vielerlei Unterstützung anderer – daraus leitet sich insbesondere in einer Schülerruderriege die Verantwortung ab, eben auch dazu beizutragen Ruderanfänger auszubilden.

Im Vergleich zum Schulalltag lassen sich die Ergebnisse dieser Arbeit beim Rudern, beim Boote tragen, auf der Regatta, auf der Wanderfahrt direkt ablesen – wenn im Englischunterricht das Kaufen von Brötchen in London geübt wird – gibt es in der Pause trotzdem ein Pausenbrot – hat aber der Fahrtenleiter auf der Wanderfahrt nicht die Frühstückbrötchen organisiert, bleiben wirklich alle hungrig!

Eine mögliche Beurteilung als beispielgebendes pädagogisches Jahrhundertprojekt ist insofern tatsächlich möglich. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch in der Ruderriege immer wieder Protektoren erzieherisch eingreifen mussten, nicht immer alles in vollkommener, harmonischer Eigenregie ablief. 144

EINLADUNG zu einer Mitgliederversammlung gem. Abschnitt B § 1

der Satzung der Ruderriege der Albert-Schweitzer-Schule

Termin:   Mittwoch, 28.10.1992                

Zeit:         15.30 Uhr                

Ort:          Bootshaus der RRASS

Tagesordnung:

             1. Genehmigung der Tagesordnung und des Protokolls der letzten Versammlung 

             2. Mißtrauensantrag gegen den Ruderwart durch neun Mitglieder (Antrag auf Abwahl)

             3. Verschiedenes

Nienburg, den 19.10.1992                                                                                                                                gez. Weber

Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass die Ruderriege eine freiwillige Veranstaltung, eine sogenannte Neigungsgruppe im Vergleich zur „Zwangsgemeinschaft“ Klasse ist.

Darum funktionieren Wanderfahrten und Ruderlager wohl besser als Klassenfahrten.  Darum ist wohl auch die Atmosphäre am Bootshaus und das Miteinander von Protektoren und Schülerinnen bzw. Schülern entspannter als in der Schule – zudem können sich die Mitglieder eines unliebsamen Protektors durch Abwahl entledigen, vielleicht ein Modell für Klassen und Klassenlehrer oder gar Schulleitungen. Möglicherweise ließen sich hier einige Aspekte der Ruderriege auch auf die Schule übertragen. Ein weiterer Aspekt bleibt aber vor allem die Faszination Rudern als solche – ein schmales Ruderboot auf dem Wasser zum Laufen zu bringen ist eben vielerlei Anstrengung wert!          

Marcus Weber
Protektor der RRASS

100 Jahre Ruderriege

Unsere Festschrift anlässlich der 100-Jahrfeier im Jahr 2012 gibt es hier als Download zum Nachlesen
(PDF, ca. 21 MB)

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